Fotogramm: Fotografie ohne Kamera
Was bleibt von der Fotografie übrig, wenn man die Kamera weglässt? Beim Lochkamera-Artikel haben wir schon auf Objektiv, Sucher und Elektronik verzichtet. Das Fotogramm geht noch einen Schritt weiter: Es braucht überhaupt keine Kamera mehr. Nur Fotopapier, ein paar Objekte und einen kurzen Lichtblitz in der Dunkelkammer. Was dabei entsteht, ist keine Abbildung der Welt – es ist eine direkte Berührung zwischen Objekt und Bild.
Was ist ein Fotogramm?
Ein Fotogramm entsteht, indem man Gegenstände direkt auf lichtempfindliches Material legt und dieses anschließend belichtet. Wo das Objekt das Licht komplett blockiert, bleibt das Papier weiß. Wo Licht ungehindert auftrifft, wird es tiefschwarz. Und dazwischen passiert die eigentliche Magie: Halbtransparente Materialien – Blütenblätter, Stoffe, Glas, dünnes Papier – erzeugen feinste Grauabstufungen, die kein Objektiv der Welt so einfangen könnte.
Das Ergebnis ist immer ein Negativ der Realität: helle Silhouetten auf dunklem Grund, wie Schattenrisse aus Licht. Jedes Fotogramm ist ein Unikat. Es gibt kein Negativ, keinen zweiten Abzug, keine Wiederholung. Legst du dieselben Objekte noch einmal auf, entsteht trotzdem ein anderes Bild.
Die Geschichte: älter als die Kamera-Fotografie
Erstaunlicherweise ist das Fotogramm nicht etwa eine Spielerei, die sich aus der Fotografie entwickelt hat – es steht an ihrem Anfang.
Die Pioniere (1830er–1840er)
William Henry Fox Talbot, einer der Erfinder der Fotografie, legte schon in den 1830er Jahren Pflanzen, Spitzen und Federn auf lichtempfindlich gemachtes Papier und nannte die Ergebnisse „photogenic drawings“ – fotogene Zeichnungen. Noch bevor die erste brauchbare Kamera-Fotografie den Alltag erreichte, existierte also bereits die kameralose Variante.
Kurz darauf schuf die britische Botanikerin Anna Atkins mit ihren Cyanotypien von Algen und Farnen das, was heute als erstes fotografisch illustriertes Buch der Geschichte gilt (ab 1843). Ihre leuchtend blauen Pflanzensilhouetten sind bis heute ikonisch – und waren streng genommen wissenschaftliche Dokumentation, keine Kunst. Noch nicht.
Die Avantgarde entdeckt das Licht (1918–1930er)
Richtig spannend wurde es nach dem Ersten Weltkrieg, als gleich drei Künstler unabhängig voneinander das Fotogramm als künstlerisches Medium wiederentdeckten:
- Christian Schad experimentierte ab 1918/19 in Zürich mit Abfallmaterialien – Fahrkarten, Stoffresten, Papierschnipseln – auf Fotopapier. Der Dada-Mitbegründer Tristan Tzara taufte die Ergebnisse später „Schadographien“.
- Man Ray stieß 1921/22 in Paris – der Legende nach durch einen Zufall in der Dunkelkammer – auf die Technik und machte sie unter dem Namen „Rayographie“ weltberühmt. Seine surrealen Kompositionen aus Alltagsgegenständen, Händen und Spiralen gehören heute zu den bekanntesten Bildern der Fotokunst überhaupt.
- László Moholy-Nagy, Bauhaus-Meister und unermüdlicher Licht-Theoretiker, prägte den nüchternen Begriff „Fotogramm“ und erhob die Technik zum Kern seiner Idee einer „Neuen Sehweise“: Fotografie sei im Wesentlichen Gestaltung mit Licht – die Kamera nur ein optionales Werkzeug.
Dass drei Künstler fast zeitgleich zur selben Technik fanden, sagt viel über die Zeit: Nach dem Krieg wollte die Avantgarde die Kunst neu erfinden – und das Fotogramm war radikal, direkt und frei von jeder akademischen Tradition.
Vom Schulversuch zur Galeriekunst
Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte das Fotogramm in Schul-Dunkelkammern und Fotokurse – als perfekte Einstiegsübung, um Belichtung und Entwicklung zu verstehen. Gleichzeitig arbeiteten und arbeiten Künstler:innen wie Floris Neusüss, Adam Fuss oder Susan Derges weiter mit kameralosen Verfahren, teils in raumgroßen Formaten, teils direkt in der Natur – etwa mit Fotopapier, das nachts in Flüsse gelegt wird.
Was macht das Fotogramm so besonders?
1. Berührung statt Abbildung
Ein Foto zeigt etwas aus Distanz. Ein Fotogramm entsteht durch physischen Kontakt – das Objekt lag wirklich auf diesem Papier. Das Bild ist weniger eine Abbildung als ein Abdruck, fast wie ein Fossil aus Licht. Diese Direktheit spürt man den Bildern an.
2. Das Unikat in einem Medium der Reproduktion
Fotografie ist das Medium der unendlichen Kopie – das Fotogramm verweigert sich dem komplett. Jedes Blatt ist ein Original. In Zeiten, in denen täglich Milliarden identischer Digitalbilder entstehen, ist das eine fast schon subversive Qualität.
3. Transparenz wird sichtbar
Die Kamera sieht Oberflächen. Das Fotogramm durchleuchtet. Ein Blütenblatt zeigt plötzlich seine Aderung, ein Stoff sein Gewebe, ein Glas seine Dichte. Materialeigenschaften, die dem Auge verborgen bleiben, werden zu Grauwerten.
4. Kontrollierter Zufall
Man kann ein Fotogramm planen – aber nie ganz vorhersehen. Wie das Licht unter einer Blüte streut, wo sich Objekte überlagern, welche Grauwerte entstehen: Das zeigt erst die Entwicklerschale. Genau diese Mischung aus Komposition und Überraschung macht süchtig.
Zwei eigene Arbeiten aus der Dunkelkammer
Die beiden folgenden Fotogramme sind um 1996/97 entstanden – klassisch in der Dunkelkammer, auf Schwarz-Weiß-Fotopapier.

Der Zigarettenfächer: Sechs Zigaretten, fächerförmig arrangiert – aber nicht gleich behandelt. Durch unterschiedliche Belichtung bzw. Abdeckung erscheinen die einzelnen Zigaretten in verschiedenen Helligkeitsstufen: von fast durchscheinend grau bis strahlend weiß, bei den hellsten sind sogar Tabak und Filter als Struktur erkennbar. Das Ergebnis wirkt fast wie eine Lichtstudie – dasselbe Objekt, sechsmal anders ins Licht gesetzt. Genau diese Kontrolle über Grauwerte ist es, die das Fotogramm von der bloßen Schattenkopie zur Gestaltung macht.

Die Rose: Hier zeigt sich, was Halbtransparenz kann. Die Blüte leuchtet, wo die Blätter dicht übereinanderliegen, und wird zart und durchscheinend, wo das Licht einzelne Blütenblätter durchdringt. Die Laubblätter erscheinen als weiche Grauflächen mit sichtbaren Unregelmäßigkeiten, der Stiel als feine dunkle Linie dazwischen. Keine Kamera würde eine Rose so zeigen – von innen heraus, als würde sie selbst leuchten.
Fast dreißig Jahre später funktionieren diese Blätter noch genauso wie am Tag ihrer Entwicklung. Auch das ist eine Qualität analoger Unikate: Sie altern, aber sie verschwinden nicht in einem Cloud-Ordner.
Selbst Fotogramme erstellen: So geht’s
Klassisch in der Dunkelkammer
Du benötigst: S/W-Fotopapier, Entwickler, Stoppbad, Fixierer, drei Schalen, eine Rotlichtlampe und eine Lichtquelle (Vergrößerer oder einfach eine kleine Lampe/Taschenlampe an der Decke).
- Bei Rotlicht ein Blatt Fotopapier mit der Schichtseite nach oben auslegen.
- Objekte arrangieren – flache und halbtransparente Dinge funktionieren am besten: Blüten, Blätter, Federn, Spitze, Schlüssel, Glas.
- Kurz belichten: je nach Lichtquelle und Abstand etwa 2–10 Sekunden. Am besten mit Teststreifen herantasten.
- Entwickeln (ca. 60–90 Sekunden), stoppen, fixieren, wässern, trocknen.
Profi-Tipp für Abstufungen wie beim Zigarettenfächer: Mehrfach belichten und zwischendurch einzelne Objekte entfernen oder Bereiche mit Karton abdecken. Jede zusätzliche Belichtung macht die freigelegten Flächen dunkler – so entsteht eine Grauwert-Treppe aus identischen Objekten.
Ohne Dunkelkammer: Cyanotypie & Co.
Wer keine Dunkelkammer hat, kann auf Cyanotypie-Sets ausweichen (fertig beschichtetes Papier gibt es günstig zu kaufen): Objekte auflegen, 5–15 Minuten in die Sonne, mit Wasser auswaschen – fertig ist das preußischblaue Fotogramm ganz in der Tradition von Anna Atkins. Ideal auch als Projekt mit Kindern.
Der digitale Kompromiss: Scannogramm
Objekte direkt auf den Flachbettscanner legen, Deckel offen lassen, Raum abdunkeln, scannen. Das Ergebnis – oft Scanografie genannt – hat eine ähnliche Ästhetik: extrem geringe Schärfentiefe, schwarzer Hintergrund, direkte Objektpräsenz. Kein echtes Fotogramm, aber ein spannendes Experimentierfeld.
Fazit: Die pure Essenz der Fotografie
Fotografie heißt wörtlich „Zeichnen mit Licht“ – und nirgends ist das so wörtlich zu nehmen wie beim Fotogramm. Keine Optik, keine Mechanik, keine Software steht zwischen Motiv und Bild. Nur Licht, Material und eine Entscheidung. Vielleicht ist das der Grund, warum diese über 180 Jahre alte Technik nie verschwunden ist: Sie erinnert daran, worum es beim Fotografieren eigentlich geht.
Und falls du nach dem Lesen Lust bekommen hast, selbst mit Licht zu zeichnen: Eine Rose, sechs Zigaretten oder ein Farnblatt genügen für den Anfang.
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